Ich kann gar nicht genau sagen, wann mein kindliches Gehirn zum ersten Mal dachte: „Ich muss ein Außerirdischer sein.“ ? Das Gefühl des Anders-Sein wurde zur ungeliebten, unterdrückten Normalität.

Im 47. Lebensjahr sitze ich vor der Tastatur und schreibe diese Story meines Lebens als Zebra. Ein wundervolles Bild, wie ich finde. Ich liebe es in Bildern zu denken, in Musik zu fühlen, Wind zu schmecken und Wald zu riechen. Jeder meiner Sinne war schon als Kind die andauernde Quelle von ständiger Wahrnehmung und Information. Ohne Unterlass prasselt die Welt auf mein Gehirn ein. Es fühlt sich an, als würde mir ein Filter fehlen, als gäbe es keine Trennung von Ton, Bild, Geruch, Temperatur oder Geschmack. Alles erscheint eins und doch nehme ich es messerscharf getrennt wahr. Gib mir ein Wort, eine Idee, ein Bild, einen Ton und sofort entsteht ein riesiges verzweigtes Netzwerk im Kopf. Die Gedanken sind dabei so schnell, dass es mir kaum gelingt, diese zu fassen und zu formulieren. Situationen, Bedingungen, Zustände, Abhängigkeiten erfasst mein Gehirn intuitiv und rasend schnell – ein Freak. Mit dreidimensionalen Berechnungen und Darstellungen hatte ich nie ein Problem. Eher im Gegenteil dachte ich ab dem Ende der Grundschule weitere Dimensionen hinzu. Mit 11 oder 12 las ich die Parteitagsreden Gorbatschows – ich war beeindruckt von der Klarheit und gleichzeitig „besorgt“ wegen der Konsequenzen. Für mich waren die nachfolgenden Ereignisse der Geschichte absolut logisch, folgerichtig und vorhersehbar, sowie viele Abläufe keinen Zufall abbilden. Wie kann ich mich mit jemandem zu solchen Themen unterhalten, wenn ich ein riesiges, verwobenes Netz sehe, wo diese nur Schwarz oder Weiß sehen? Viele nahmen und nehmen mich als arrogant wahr. Dabei bin ich nur nicht in der Lage weniger zu sehen, zu „erkennen“ oder zu denken.

Mit drei Jahren saß ich das erste Mal in einem Konzertsaal und hörte das Klavierkonzert Nummer 1 von P. I. Tschaikowsky. Relativ kurze Zeit später war es „Die Moldau“ von B. Smetana. Diese Klangteppiche werde ich nie vergessen. Ich kann mich sogar noch an den Geruch erinnern – das Holz der Stühle und der Instrumente. Seit diesem Tag hat sich meine Eigenwahrnehmung als Außenseiter aufgebaut und einen tiefen Riss erzeugt. Das Gefühl wollte irgendwie immer ein Bestandteil der „Außenwelt“ sein. Doch der Kopf war niemals in der Lage loszulassen. Das Ergebnis wurde eine Persönlichkeit, welche nicht verstanden wird – nicht von mir und nicht von der Außenwelt.

Während des Studiums durfte ich auch Psychologie im „Nebenfach“ belegen. An zwei aufeinanderfolgenden Terminen absolvierten wir als praktischen Teil zwei unterschiedliche Intelligenz-Tests. Viele Jahre später mit der Erfahrung von diversen „gescheiterten“ Beziehungen und der „Unfähigkeit“ im Beruf Hierarchien akzeptieren zu können, mit dem beständigen Willen immer anders sein zu wollen, bleibt die Erkenntnis, dass es richtig ist, anders zu sein, dass ich so richtig bin. Eventuell hätte ich mir selbst und meiner Umwelt einiges ersparen können, wenn ich dem Ratschlag des Dozenten gefolgt wäre, aufgrund der Ergebnisse (137 & 142 – allein dies hier zu schreiben, ist mir zuwider) einen „Beratungstermin“ zu vereinbaren. Vor einigen Tagen absolvierte ich erneut einen Test, weil ich aufgrund von Migräne vor Schmerzen nicht schlafen konnte – also reine „Langeweile“. Diesen Test habe ich eine Woche später wiederholt, nur um den Einfluss von „Migräne“ auf solchen Test an mir selbst zu betrachten. Jetzt, da ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass für meinen Kopf alles hinterfragt und analysiert werden muss.

Eine wunderbare und sehr verständnisvolle Führungskraft hatte einmal während eines von mir geleiteten Seminars für „Alphamännchen“ den markanten Satz geäußert: „Perfektion erzeugt Aggression.“ Da ich mich niemals als Perfektionisten oder unfehlbar angesehen habe und auch niemals werde, fehlte mir hier die Perspektive, um die Tragweite verstehen zu können. Dabei entwickelte ich eine Strategie, um ein besseres Verständnis zu erlangen – die Präzision. Eigentlich nur ein verzweifelter Versuch von mir, für mich Struktur in mein eigenes Denken zu bekommen.

Ein Zebra am Nordpol. Seit ich denken kann und erste Reportagen zum Nordpol gesehen habe, erscheint mir dies mein „heiliger Ort“ zu sein. Dort soll es völlig still sein und der Horizont wird durch keine Bewegungen „gestört“. Ganz wenige Eindrücke. Wäre wie ein Leerlauf für den Kopf – ein Ausschalter.

— Fortsetzung folgt —